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Improvisation, Noise, Kammerton: In Chemnitz präsentierte das Festival »Soundexchange« unerhörte Musik aus Mittelosteuropa

Zum Ende hin steht ein baßhaltiger, langgezogener Ton im Raum, der jedoch rein gar nichts Schweres an sich hat. Sonntagmittag in Chemnitz, und es ist nicht vom Kirchgang zu berichten. In den Ton mischt sich vielstimmiges Flirren und Knistern, über der neunköpfigen Kapelle ist ein Bild zu sehen, das eine abstrakte Grafik sein könnte. Das ist es auch, doch ist es eine Partitur. »La Mer« ist sie betitelt und auf den April 1982 datiert. Milan Adamčiak, am Vorabend wurde der Fluxuskünstler aus Bratislava preisgekrönt, ist ihr Zeichner und Komponist; das kleine große Orchester firmiert unter dem Namen Ensemble Mi-65. Sein Auftritt eröffnete das letzte Konzert des Festivals »Soundexchange«, das am vergangenen Donnerstag in Chemnitz begonnen hatte. Die Musiker des Ensembles Mi-65 kommen aus der Slowakei, Litauen, Lettland, Polen und Ungarn. Das Festival hat sich experimenteller Musik aus Mittelosteuropa verschrieben und sie in den vergangenen Monaten schon in Krakau, Bratislava, Vilnius, Riga, Tallinn, Prag und Budapest präsentiert. Chemnitz setzte den Schlußpunkt, der keiner sein sollte. Es gab viel zu entdecken; es wird weiter zu forschen sein.

Die Musik war in den Worten Susanne Binas-Preisendörfers eine »unerhörte«. Binas-Preisendörfer spielte in den 80er-Jahren in der Ostberliner Avantgardeband Der Expander des Fortschritts. Im umfangreichen Festivalreader hat sie einen Beitrag geschrieben. Wenn diese »unerhörte Musik« auf dem Festival gelegentlich ozeanisch geriet, dann selten so meditativ wie in Adamčiaks Meerstück. Eher assoziierte sie Wolfgang Hilbigs Gedicht »das meer in sachsen«: »es ist ruhe doch sachsen / sinnt gottes sonntag zu ändern.«

Die Musik speiste sich aus Improvisation, Elektronik, Noise und Folklore: Am ersten Abend spielte das ungarische Positive Noise Trio in schon John Zornscher Manier Auszüge aus dem »Flora«-Zyklus von Ernö Király, zuvor hatte Pál Tóth alias én eine Klangcollage aus den Sounds des fast vergessenen Komponisten aufgeführt. Aber nur eben fast: 1997 erschien auf Recommended Records »Phoenix: The Music Of Ernö Király« eine Werkschau. Über 80jährig war er 2007 verstorben.

Der anfänglich klassisch komponierende Király dokumentierte im Auftrag von Radio Novi Sad die Volksmusik der Landbevölkerung seiner Heimatprovinz Vojvodina: Ungarn, Serben, Kroaten, Slowenen, Roma. Er sammelte ihre Instrumente und beschäftigte sich genauso mit zeitgenössischer westeuropäischer Musik. Darauf aufbauend, wurde Király mehr und mehr zu einem freien Improvisator, wie sich Zsolt Sörés vom Positive Noise Trio erinnert. Sörés spielt zwei von Király Mitte der siebziger Jahre entworfene und gebaute Instrumente: Das »Zitherphone« aus fünf elektronisch verstärkten Zithern verschiedener Größe und das »Tablophone«: Es besteht aus einem Blech, an das sich Gegenstände zur Klangerzeugung montieren lassen und einem Papier für Zeichnungen. Denn Király hielt seine Kompositionen nicht nur in klassischer Notenschrift fest, sondern entwickelte eine eigene Notationsweise aus geometrischen Figuren und Grundfarben. Musikblätter und -hefte, die an sich schon Kunstwerke sind: Das zum »Flora«-Zyklus ist noch bis zum 2. Dezember in der Neuen Sächsischen Galerie zu sehen: Die Ausstellung »Visible Music That Anybody Can Listen To« ist Teil des Festivals und zeigt neben den Notationen Adamčiaks und Királys weitere Klangbilder.

Das Festival »Soundexchange« brachte in hohem Maße assoziative Musik auf die Bühne. Der Pole Lukasz Szalankiewicz hatte »Synthistory«, eine elektroakustische Komposition seines Landmannes Boguslaw Schaeffer im Gepäck. In dem 1973 für Radio Belgrad konzipierten Stück ließ sich an einer Stelle ein kollabierendes Uhrwerk vernehmen. Szalankiewicz spielte daraufhin seine eigene Version von »Synthistory«: »Signalstory«, eine ordentlich lautstarke, hoch- und tieffrequente Performance aus den magnetischen Feldern mehrerer Walkmans. Dann die Klanginstallation »Symbolistica« des Esten Raul Keller, bis zum 2. Dezember in der Weltecho Galerie zu bewundern: Vier Parabolreflektoren, kleine Lautsprecher und eine Radioantenne, zwischen denen ein kontemplativer Klang generiert wird. Als Keller mit seiner Kollegin Hello Upan ihre Performance »Lokaalradio« aufführten, entstand ein Klangraum, den die Drone-Metaller von Sunn O))) häuslich nennen würden.

Nicht nur sie. Wir sehen uns östlich der Elbe. Und behalten im Ohr, womit Ornament & Verbrechen, Ronald und Robert Lippok, ihr perkussiv-elektronisches Konzert »Béton Brute« beschlossen: Einen Martin-Heidegger-Loop, der Hölderlins Gedicht »Im Walde« rezitiert: »Aber in Hütten wohnet der Mensch.« Robert Mießner

(junge Welt, 20. November 2012)