Zeit für die Gärten
Dein Baß ist eine Schaufel: Uli M. Schueppel porträtiert den Klangarbeiter Caspar Brötzmann
Von Robert Mießner
Im Zentrum des großen Lärms wohnt eine nicht kleinere Stille: Der aus Wuppertal stammende Gitarrist Caspar Brötzmann hat mit seinem Trio Massaker von 1986 bis in die Neunziger eine berserkerhafte Rückkopplungsmusik gespielt, deren Basis er bündig in Rock ’n’ Roll oder Heavy Metal verortete. Jetzt wandert er in Uli M. Schueppels Dokumentarfilm »Da gehört die Welt mal mir« durch die nur scheinbar karge Brandenburger und Mecklenburg-Vorpommersche Landschaft. Brötzmann facht behutsam ein Lagerfeuer an, rudert über einen ruhigen See und setzt Steine in den Ostseestrand. Er überquert Bahngleise und intoniert ohne Pathos den Text eines früheren Albums, »Koksofen«. Sein einziges sichtbares Gepäckstück ist eine Baßgitarre. Wie er mit ihr so durch Wald und Flur geht, fällt uns Captain Beefheart ein. Der, Brötzmann ähnlich gerne als kompliziert beschrieben, hatte im zweiten Punkt seiner »Die zehn Gebote des Gitarrenspiels« (Übersetzung: Ann Cotten) festgelegt: »Deine Gitarre ist nicht wirklich eine Gitarre. Deine Gitarre ist eine Wünschelrute. Finde mit ihr Geister in der anderen Welt und hol sie herüber.« Brötzmann schultert seinen Baß wie ein schweres Gerät: eine Schaufel vielleicht, oder ein massiver Hammer.
Was will er eigentlich plötzlich mit einem Baß? Eben noch haben wir das Caspar Brötzmann Massaker auf der Bühne des Berliner Berghain gesehen, 2010 auf ihrem ersten Konzert nach 14 Jahren. Da war alles wie früher: Er spielt derwischartig Gitarre; seine Freunde Eduardo Delgado Lopez und Danny Arnold Lommen wüten an Baß und Schlagzeug. Hätte nur noch gefehlt, daß eine Frau aus dem Publikum das ganze Konzert im Körperkontakt mit einer der Lautsprecherboxen verbracht hätte. Ich habe solches selber Mitte der Neunziger im Theatersaal des Tacheles gesehen. Es ist aber nicht wie früher: Wer sich den Mitschnitt genau anhört, kann im Sound des Trios neue Nuancen bemerken. Schueppel hat die Konzertszenen in seine fast schon zenhaften Landschaftsaufnahmen montiert und setzt auf Atmosphäre anstelle von Biographie. Caspar Brötzmann spricht sowieso nur wenige, dafür prägnante Details an. Der Vater, Free Jazz-Saxophonist Peter Brötzmann, kommt überhaupt nicht vor, obwohl beide gemeinsam auf zwei Alben zu hören sind. Dafür redet der Sohn über seine neue Musik: Caspar Brötzmann spielt jetzt tatsächlich Baß. Wie er das tut, kann man im Film hören. Es entspricht der Maßgabe seines Protagonisten, der selber sagt, zu sich und anderen nicht immer leicht gewesen zu sein: »Jetzt ist Zeit für die inneren Gärten.«
10.02.12 / CineStar 7 / 20:00 – PREMIERE
11.02.12 / CineStar 7 / 14:30
12.02.12 / Colosseum 1 / 15:30
19.02. 12 / Cubix 7 / 17:30
junge Welt, 10. Februar 2012
