Musik zur Unzeit. Januar 2012

Achtung, Melancholie!
Von Robert Mießner

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft firmiert ein Ladengeschäft unter dem Namen »Kauf dich glücklich«. Mir ist Ironie nicht fremd: Ich weiß, wie ich das zu nehmen habe. Aber mit dem Glück, seiner An- und Abwesenheit, ist es so eine Sache. Der ungarische Kunsttheoretiker László F. Földényi schrieb 2007: »Das Glück streckt den Menschen unerwartet nieder. Ohne Vorwarnung.« Nicht anders steht es mit seinem Pendant, der Melancholie. Über- und Schwermut sind Ausnahmezustände; sie unterbrechen alltägliche Routinen. Földényi weiter: »Sowohl dem Glück als auch der Melancholie wohnt etwas zutiefst Anarchisches, Aufrührendes inne, denn beide entziehen den Menschen dem Griff der Gemeinschaften und isolieren ihn.« Die melancholischen Menschen mögen auf Abwegen wandeln, doch wissen sie: Auch die haben ihr Ziel. 2012 könnte ihnen ein gutes Jahr werden: Der Kanadier Leonard Cohen Cohen, oft als einer der Chefwehmütigen des Pop bezeichnet (er kann auch anders, doch kommt die Beschreibung nicht von ungefähr), veröffentlicht Ende Januar sein neues Album »Old Ideas« (Sony Music). Auf Cohens Website kann man sich einen zwischen Folk und Blues swingenden Vorabsong anhören; der Titel lautet: »Darkness«.

Ein ähnlich gedimmtes Licht wirft auf Matt Elliotts »The Broken Man« (Ici d’ailleurs) seine Schatten. Elliott hat seit den späten Neunzigern unter dem Namen The Third Eye Foundation elektronische Musik produziert, deren Welthaltigkeit darin besteht, daß sie nicht mehr ganz von dieser zu sein scheint: Ihr Sound ist der verhallte, dublastige seiner Heimatstadt Bristol. 2003 begann Elliott unter seinem Geburtsnamen zu arbeiten und verlegte sich nach und nach auf getragene europäische Folkmusik mit immer noch avantgardistischen Impetus. »The Broken Man«, produziert hat Yann Tiersen, ist spartanisch instrumentiert und klingt weitestgehend zurückgenommen. Dabei steckt in Elliotts Melancholie unterkühlte Wut: Einer der epischen Songs des Albums heißt »If Anyone Ever Tells Me That it is Better to Have Loved and Lost Than to Have Never Loved At All I Will Stab Them in the Face«. Gesamtlänge: 13 Minuten, erst in der fünften setzt nach Glockenklängen der Gesang ein. Der Song basiert auf einer Improvisation Elliotts. Die Französin Katia Labèque, mit ihrer Schwester Marielle bildet sie ein Klavierduo, hat sie ihm in ein kammermusikalisches Nachtstück überführt. »Oh How We Fell« erstreckt sich über knapp 11 Minuten, die Gitarre assoziiert Spanien: die Landschaft des »scharfsinnigen Edlen« und »Ritters von der traurigen Gestalt« Don Quixote.

Den Soundtrack eines spätherbstlichen oder winterlichen Roadmovies könnte »Glimmer« (Gustaff/Ghostly International), das achte Album des Gdansker Komponisten Michał Jacaszek, hergeben. Der Film wäre in Schwarzweiß oder besser noch in Sepia zu drehen. Das suggeriert Kontemplation, doch sind in ihr immer schon Unrast, ja Nervosität angelegt. Bereits Elliott ließ Melancholie und Dissonanz eine Liaison eingehen; diejenige Jacaszeks geht ein ganzes Stück weiter. Wer »Glimmer«, mein Album des vergangenen Jahres, als neoklassischen Ambient umschreiben will, steht schnell vor einem Problem: Zwischen filigrane Akustiksounds streut Jacaszek scharfe elektronische Geräuschsplitter und konterkariert, was traditionell und vertraut erscheint. Die Brüche kommen gerne unvermittelt. Neun Stücke in 41 Minuten: Mal können sich Cembalo (Magosia Skotnicka) und die Baß- und Sopranklarinette (Andrzej Wojciechowski) gegen das untergründige Pochen behaupten; ein andermal verschwinden sie fast hinter dem vielstimmigen Brummen und Knistern. »Zerbrechliche Schönheit« nennt Jacaszek, was er da illustriert. Bei Leonard Cohen (»Anthem« auf »The Future«, 1992) heißt es: »There’s a crack in everything / that’s how the light get’s in«.

junge Welt, 16. Januar 2012