»Hat eigentlich niemand Heiner Müller gelesen, um zu begreifen, daß er das war und ist, was Leute seinesgleichen immer ihren Gegnern vorwerfen: ein Schriftsteller mit deutlich faschistoiden Tendenzen?«
Lothar Schmidt-Mühlisch, 1992

GELD FÜR SPANIEN

Ein Monatsbericht der Gestapo
Leitstelle Berlin aus dem Jahr
Von Hitlers Olympiade und Francos
Spanischem Krieg teilt mit daß auf Grund von
Hinweisen aus der Bevölkerung
Ein Kommunist verhaftet werden konnte
In einem Haus am Zionskirchplatz Geld
Sammelnd für Spanien im Auftrag
Seiner verbotnen Partei Geld
Für die Reisen von Kommunisten nach Spanien
Dort zu kämpfen für die Spanische Republik
Ein Mann ohne Namen Alter Gesicht
Gefallen unbekannt in dem großen
Weltbürgerkrieg der noch dauert
Soldat in der Schattenarmee
An dem Abschnitt der Front
Auf den überall
Kein Licht fällt oder erst
Nach dem Tod der Kämpfer
Grablos verscharrt werweißwo
Sein einziges Denkmal
Ein Gestapobericht geschrieben
Mit seinem Blut in der Sprache
Seines Todfeinds die
Unsere Sprache ist Aber
Sein Feind ist unser Feind
In den dunklen Treppenhäusern
Am Zionskirchplatz
Steht das Haus noch in dem er
Verraten wurde
Hat der Krieg es zerstört gegen den er
Die Treppen hinaufstieg keuchend vielleicht
Auf der dreißigsten Stufe
[Wie alt war sein Herz wie verbraucht
Seine Lungen von Tabak oder durch Arbeit
In den Giftküchen der Industrie]
Wie ein Dieb wie ein Bettler
Wie ein Hausierer die Hoffnung
Sein Diebesgut seine Ware
Die Revolution [Wieviel Käufer
Hat er gefunden bevor ihn
Sein Tod fand]
Klopfen an bekannte Türen
Und manchmal vielleicht
Wurden sie aufgemacht von Genossen nicht mehr
Kenntlich sondern
Gezeichnet von Kapitulation
Klopfend an fremde Türen mit Angstschweiß
Und immer neu die schreckliche Erfahrung
Daß ein Gesicht ein Abgrund
Sein kann oder eine Mauer
Was wir vergessen verraten wir Ein Gestapobericht
Sollte das einzige Denkmal nicht bleiben
Des unbekannten Hausierers der Revolution
Am Zionskirchplatz für Spanien
Der weiße Fleck sein Gesicht
Eine Narbe in unserm Gedächtnis
Heiner Müller, 1992

Heiner Müller wäre heute 80 geworden.
Einige Veranstaltungen der kommenden Tage:

»Die Menschheit braucht ein neues Wozu!«
Freitag, 09. Januar, 19.00 Uhr
Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg, Studio
Szenische Lesung in der Regie von Hans Neuenfels u.a. mit Wolfgang Engler, Thomas Flierl, Durs Grünbein, Gregor Gysi, Elke Heidenreich, Klaus Staeck, Klaus Theweleit, Wolfgang Thierse, Nike Wagner, Peter Weibel… Thomas Langhoff liest einen Text von Elfriede Jelinek. David Bathrick spricht über die jetzt komplette Heiner Müller-Werkausgabe im Suhrkamp Verlag.

Szenen vom Zement
von Heiner Müller nach Gladkow
Regie Pamela Schlewinski
Freitag, 09. Januar, 20.00 Uhr [zum letzten Mal]
Volksbühne, Berlin, 3. Stock

Heiner Müller 80 – Müller und die Oper
Samstag, 10. Januar 2009, 18.00 Uhr
Max Taut Au­la, Ber­lin-​Lich­ten­berg

Die Hamletmaschine
Regie Dimiter Gotscheff
Samstag, 10. Januar, 20.00 Uhr – 21.00 Uhr
Deutsches Theater, Berlin, Kammerspiele

Im Frühjahr:
Anatomie Titus (filmische Installation nach Müllers Text)
von Brigitte Maria Meyer
Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz

(Foto: © Joseph Gallus Rittenberg, Gedicht »Geld für Spanien«: © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main)