In dub we trust: Mark Stewart + Maffia

16. Juni 2008

The Pop Group eröffneten eines ihrer Konzerte schon mal mit einer Herbert-Marcuse-Rede. Über die Pariser Kommune übrigens. Mark Stewart ist auch 30 Jahre später Unruhestifter geblieben. »Edit«, sein neues Album, braucht man subito. Dann sollte man den großen Mann aus Bristol live sehen. Heute abend in der Maria am Ufer. Oder am Ostbahnhof. Findet man in beiden Fällen am Stralauer Platz 34/35, an der Schillingbrücke, Berlin-Friedrichshain. Immer den Nachtgestalten hinterher.

Mehr dazu:
Homogener Horror
Mark Stewart + Maffia in Berlin
-> junge Welt, 16. Juni 2008

Permanenter Ausnahmezustand
Mark Stewart - Edit
-> satt.org, Juni 2008

www.myspace.com/markstewartmaffia


Kontrast und Unrast: Prolog 2

28. Mai 2008


Irgendwann in den Neunzigern ein Dialog, im Vorübergehen in einem nicht mehr existenten Prenzlauer Berg gehört: »Papa, was ist eine Galerie?« »Da ist ganz viel Galle drin.« Those were the days. Prolog wird nun nicht nostalgisch, sondern schaut sich das Jetzt an, vergisst dabei das Gestern nicht und wagt einen Blick ins Morgen.

Die Eröffnung einer Ausstellung mit Arbeiten der im Prolog 2 veröffentlichten Künstler

Fritz Cremer - Julia Dorrer - Kristof Grunert - Matthias Fallenstein -
Robert Finke - Heinke Fabritius - Hanna Hennenkemper - Henning Hennenkemper -
Wiebke Jacobs - Andreas Koletzki - Philipp König - Jule Köhler - Nadja Kring -
Henriette Langer - Egbert Lipowski - Friederike Mayröcker - Andre Markert -
Robert Mießner - OL - Irene Pätzug - Henry Puchert - Moritz Richard -
Matthias Ruthenberg - Karin Schäfer - Ann Schmalwasser - Anton Schwarzbach -
Anja Spitzer - Dorit Trebeljahr - Mikael Vogel - Matthias Wegehaupt

findet am Freitag, 30. Mai 2008, um 18 Uhr 30,
in der Marienburger Str. 33 (Berlin, Prenzlauer Berg) statt.

Danach steht die Tür bis zum 13. Juni von 13 bis 19 Uhr, außer Dienstag und Mittwoch, offen.

janpeer.com


Mono ist besser: THE FALL - Imperial Wax Solvent

15. Mai 2008

Mark E. Smith schaut sich Großbritannien von Deutschland aus an. Und The Fall veröffentlichen eines der Alben dieses Jahrzehnts.

Früher, als der Tag im Schatten des Ostberliner Fernsehturms mit einer Regelverletzung begann, war so was wie Aufnahmequalität herzlich egal. Musik kursierte auf dreimal kopierten Kassetten, knisterte und rauschte. Was zählte, war einzig die Substanz, ein verwegener Klang, eine kühner Satz. Als das dann auf ordentlichen Tonträgern gehört werden konnte, war das Befremden nicht selten gewaltig. Plötzlich wirkte, was als wild erinnert wurde, irgendwie glattgebügelt und steril. The Fall, in jugendlicher Begeisterung und Naivität einfach für eine Punkband gehalten, bildeten da eine der wenigen Ausnahmen. »Slates« [1981], ihr kurzes und perfektes Meisterwerk, klang auf CD genauso waghalsig wie der Mitschnitt aus dem Radio. Mitproduziert wurde »Slates« von Adrian Sherwood und Grant Showbiz, ein Name, der einem dann noch öfters begegnen sollte. Jetzt saß Showbiz, gemeinsam mit Mark E. Smith, Andi Toma [Mouse On Mars] und Tim »Gracielands« Baxter, wieder für The Fall hinter den Reglern. Wer auch immer die Idee hatte [wir haben da einen Verdacht], »Imperial Wax Solvent«, das 27. Studioalbum von The Fall [wir haben noch mal gezählt], teilweise in Mono aufzunehmen, er hatte eine glorreiche Idee. Die neue Platte hat einen tollen Titel und ein sehr schönes, nach »Extricate« [1990] wieder von Anthony Frost gemaltes Cover. Sie klingt rau und souverän, zu Zeiten regelrecht aggressiv. Es ist eine enthusiastische Aggressivität, das sei schon mal gesagt. Dann sind aber auch noch völlig andere Klänge darauf.

Hier soll jetzt nicht schon wieder ausgiebig erzählt werden, dass Katzenfreund und Nietzscheleser Mark E. Smith Widersprüche und Widerworte liebt, konstanten Bandbesetzungen eher abhold ist und selbstverständlich über einen legendären Durst verfügt. Das mag alles so sein und macht es sehr einfach, über den Mythos The Fall zu schreiben. Die Musik kommt dabei oft zu kurz. Mit dem Songschreiben für »Imperial Wax Solvent« hat Smith in Deutschland begonnen, im Blick dabei das Vereinigte Königreich nach Blair. Entstanden ist eine monolithische Großtat, eine triumphale Platte. Sie ist die sechste eines Jahrzehnts, das zwar nicht ohne Turbulenzen, aber doch günstiger verlaufen ist als die spannungsgeladenen Neunziger, die natürlich keinesfalls vernachlässigt werden sollten. Die aktuelle Dekade eröffneten The Fall mit den großartigen Sci-Fi-Klängen von »The Unutterable« [2000], konterkarierten mit der durchaus amüsanten Garage-Rüpelei »Are You Are Missing Winner« [2001], hatten ein fulminantes Comeback mit »The Real New Fall LP Formerly Country On The Click« [2003], polierten mit »Fall Heads Roll« [2005] Garage etwas auf und brachten das Kunststück fertig, mit »Reformation! Post-TLC« [2007] eine schön verspielte Platte zu veröffentlichen, die leider wenig Freunde finden konnte. Dass die amerikanische Besetzung, die darauf zu hören war, nicht mehr ist, hat organisatorische Gründe. Krach gab es keinen, auf die Dauer sind Flüge immer noch teuer und das Budget wohl nicht üppig. Auf »Imperial Wax Solvent« sind The Fall Mark E. Smith, Ehefrau Eleni Poulou und ein ehemaliger Security-Mensch, ein vormaliger Fabrikarbeiter und ein gewesener Büroangestellter. Ganz normale Leute, die eine ganz und gar außergewöhnliche Musik spielen.

Imperial Wax Solvent
[VÖ: 28. April 2008 (UK), Sanctuary Records]
Mark E. Smith - Vocals, Eleni Poulou - Keyboards und Vocals, Peter Greenway - Gitarre, David Spurr - Bass, Keiron Melling - Schlagzeug

01. Alton Towers
Livedebüt 06. September 2007, Berlin, Maria am Ostbahnhof
Der Song ist der beste Albumopener, den The Fall seit langem im Gepäck hatten. Gerade, weil er so überhaupt nicht auf das Album vorbereitet. Psychedelische Elektronikgeräusche wehen durch das von jazzartigem Schlagzeug und Bass angetriebene, hypnotische Stück, das schneller die späten Sechziger assoziiert, als dass schon wieder jemand Postpunk sagen kann.

02. Wolf Kidult Man

Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
Die Überraschung sitzt. Gerade noch in Outer Space schwebend, wird man nach einleitendem Wolfsgeheul heftigst auf irdischen Boden zurückversetzt. Das ist weder Alternativrock noch Independent, das ist Hardrock. Von der Sorte, wie ihn MC5 und die Stooges spielten, ein paar Jahre vor 1977.

03. 50 Year Old Man
Livedebüt 05. März 2007, Bilston, Robin 2
Anfänglich ein augenzwinkerndes Geschenk des damaligen Bassisten Rob Barbato zu Mark E. Smiths 50. Geburtstag, ist aus dem Track ein Biest geworden, das keinen Vergleich kennt. 11 Minuten lang ist das Stück, ist eigentlich drei Songs in einem, inklusive eines irrsinnigen Banjo-Zwischenspiels, einer Schlagzeugorgie und Tempi- und Stilwechsel, bei denen John Zorn der Mund offen stehen dürfte. Smith singt über die Freuden und Herausforderungen des Älterwerdens. Derer sind bekanntlich viele.

04. I’ve Been Duped

Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
Nicht wenige Fall-Fans werden beim bloßen Gedanken an Pop die Mundwinkel nach unten verziehen. Dazu besteht überhaupt kein Grund, solange das gut gemacht ist. Der Song, in der Hauptsache von Eleni Poulou am Mikrofon bestritten, ist bester Speed- oder Powerpop. Überhaupt sollte man öfter Blondie hören. Oder eben »I’ve Been Duped«. Der Sommer kommt schließlich immer früher.

05. Strangetown
Livedebüt 01. Juli 2007, Manchester International Festival, The Ritz
Die Wahl der Coverversionen verrät einiges über den Interpreten. Vorher coverten The Fall Frank Zappas »Hungry Freaks, Daddy« [Zappas Version ist zu finden auf »Freak Out!«, 1966]. Jetzt kombinieren sie »Strangetown« und »Garden« von den britischen Bluesrockern The Groundhogs, beide zu hören auf »Thank Christ For The Bomb« [1970]. The Fall können auch das.

06. Taurig

Bis jetzt nicht live gespielt und kein Druckfehler: Stünde als Credit nicht Eleni Poulou, könnte man fast Andi Toma vermuten. »Taurig« bringt den nächsten größeren Kontrast in ein mit Kontrasten gesegnetes Album, ist eine fast schon geflüsterte Geschichte und ein vergleichsweise kurzes, aber einzigartiges elektronisches Intermezzo. Als die Groundhogs ihr viertes Album veröffentlichten, standen Kraftwerk schließlich auch nicht mehr in den Startlöchern.

07. Can Can Summer

Livedebüt 02. November 2007, Bolton, Albert Halls
Die Platte bleibt elektronisch, nur kommt jetzt eine gehörige Prise Funk dazu. Smith verfällt, wie auch an anderen Stellen des Albums, in ein Beefheartsches Grollen, das vor der quecksilbrigen Klangkulisse und neben Poulous Gesang umso schöner zur Geltung kommt. »Can Can Summer« ist die Sorte Song, bei der man die Repeat-Taste neu entdeckt.

08. Tommy Shooter
Livedebüt 04. August 2007, Norwich, Tales of the Jackalope Festival, Kimberley Hall
Zuerst »I Am Me Mark« betitelt, hat sich aus der an Bo Diddley erinnernden Selbstankündigung ein stürmischer Song entwickelt, bei dem musikalisch vage an die Zeit von »I Am Kurious, Oranj« [1988], gedacht werden kann. Der Text ist reich an Assoziationen und Verweisen. The Fall sind dazu da, der Phantasie auf die Sprünge zu helfen.

09. Latch Key Kid
Livedebüt 04. März 2008, Bilston, Robin 2
Beinahe wäre das neue Album eines der wenigen Fall-Alben mit einem Titelsong geworden, sollte es doch ursprünglich »Latch Key Kid« heißen. Geblieben ist der Track, der sehr schön die deutsche Elektronik der frühen Achtziger heraufbeschwört. Ganz große Klasse ist das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Einmal gehört, kriegt man die Keyboardmelodie nicht mehr aus dem Sinn.

10. Is This New
Livedebüt 05. März 2008, Newcastle University, Union Society
The Fall geben ihren Hörern nicht immer das, was sie erwarten. Machen Mouse On Mars ähnlich, und ausgerechnet »Is This New«, der Track eröffnet die derzeitigen Auftritte, ist dann die Gemeinschaftsarbeit von Mark E. Smith und Andi Toma geworden. Einer der Höhepunkte des Albums, der aber weniger an Elektro und Von Südenfed oder Tomas Hauptband, sondern verknappten Progrock erinnert.

11. Senior Twilight Stock Replacer

Livedebüt 10. März 2007, Liverpool, Carling Academy
Wenn ein Bass nach Granit klingt und eine Gitarre Diamanten schleifen kann, dann hier. »Senior Twilight Stock Replacer« ist nach »Theme From Sparta F.C.« (2003) wieder ein Song, der zum Mitsingen nicht freundlich einlädt, sondern förmlich zwingt. Nicht umsonst wurde er im Frühjahr 2007 als Liveopener verwendet.

12. Exploding Chimney
Livedebüt 04. März 2008, Bilston, Robin 2
»Imperial Wax Solvent« ist Hochdruck bis zur letzten Minute. Den Schlusspunkt setzt ein atemloser, dynamischer Track. Das Keyboard unterbricht mit markanten Orgelklängen. Und Mark E. Smith verabschiedet sich bis zum nächsten Mal mit den Worten: »Believe me kids / I’ve been through it all«. Das nun kann man getrost wörtlich nehmen.

Elaine Will, Tom Gunner, 2007 (inspiriert von Tommy Shooter). Elaine Will ist Comickünstlerin aus Saskatchewan, Kanada und hat 2006 an der Berliner Ausstellung »Paintwork - A Tribute to Mark E. Smith« teilgenommen.

Danke wie immer:
The Fall online (inkl. Fall News, Gigography und Lyrics Parade)
The Fall Live (inkl. neuem Fanzine Reformation! Post TPM)
The Pseud Mag (Fanzine, eingestellt).

Besonderer Dank an The Consortium.


Niemand anderes: THE FALL - Nr. 27, Zwei Nächte in Köln

7. Mai 2008

Angeblich gibt’s in der Warenwelt alles sofort, Hauptsache die Geldbörse wird geöffnet (und ist gefüllt). Immer schon Quatsch gewesen. Der 02. Mai war laut amazon.de das Veröffentlichungsdatum von »Imperial Wax Solvent«, dem 27. THE FALL-Studioalbum. Ein Sonnentag war’s, der 01. Mai überstanden, Frühling in Berlin. Das Projekt, einfach eine Platte käuflich zu erwerben, artete in einen längeren Spaziergang aus. In Zukunft oder zumindest die nächsten vier Wochen werden von mir sämtliche Einzelhandelsketten boykottiert. Haben Menschen nichts besseres zu tun, als sich an einem sogenannten Brückentag zu Tausenden durch die allerödesten Shopping-Center zu quälen, in denen es aussieht, wie sich nicht einmal Brueghel die Hölle vorstellen konnte? Dann doch noch fündig geworden im wunderbaren Mr Dead and Mrs Free, im alten Westberlin, versteht sich. Das Album? Das Album ist unbeschreiblich. Und zum Teil in Mono, kein Maischerz. Klingt triumphal.

In Köln gibt’s am Wochenende zwei Fallnächte:
09. und 10. Mai, Connection, Marienstraße 5, 22.00 - 03.00 Uhr. Wenn das mal reicht.

www.visi.com/fall
thefalllive.googlepages.com/


Bücher trinken, Wein lesen: BLACKBOOKBLACK

7. Mai 2008

Kann nicht oft gesagt werden: Schwarzweiß ist schöner. Genau so schön sind expressionistische Holzschnitte und immer wieder Van Gogh. Ihnen widmet sich BLACKBOOKBLACK, eine Performance von Künstlern aus Berlin, Paris und Brüssel. Eine Hymne auf die Farbe Schwarz, auf Kasimir Malewitsch natürlich. Sie geht ganz einfach: Vor Publikum werden kräftig akzentuierte Holzschnitte gedruckt und angeboten. Die Leute von BLACKBOOKBLACK waren vor kurzem auf der Brüsseler Buchmesse und fahren als nächstes in die Schweiz. Vom 18. bis zum 25. Mai sind sie auf dem SISMICS-Festival in Sierre, werden sechs BLACKBOOKS in drei verschiedenen Bibliotheken der Region herstellen und einen Kurzfilm drehen. Weinetiketten (Cornalin 2005) inklusive. Der sieht ja auch fast schon wieder schwarz aus.

blackbookblack.uing.net